Reclam veröffentlicht Songtexte deutscher Musiker als literarische Klassiker
Georgine MansReclam veröffentlicht Songtexte deutscher Musiker als literarische Klassiker
Der Reclam Verlag, bekannt für seine gelben Klassikerausgaben, hat begonnen, Songtexte einflussreicher deutscher Musiker zu veröffentlichen. Die ersten Bände umfassen Werke von Bands wie Die Ärzte und Tocotronic sowie von Solokünstlern wie Rio Reiser und Reinhard Mey. Damit vollzieht der Verlag eine Erweiterung dessen, was er zum literarischen Kanon zählt.
Die Entscheidung, Liedtexte neben traditioneller Literatur zu publizieren, hat in der Literaturszene Diskussionen ausgelöst. Während Reclams Ausgaben von Goethes Faust oder Bob Dylans Texten – in Rot für fremdsprachige Werke gedruckt – weiterhin gefragt sind, ist die Aufnahme zeitgenössischer deutscher Musiker neu. Im vergangenen Jahr gehörten die Songtexte von Die Ärzte zu den meistverkauften Titeln des Verlags und hielten mit der Nachfrage nach klassischen Werken mit.
Künftig sollen auch Texte von Herbert Grönemeyer und der verstorbenen Rosenstolz-Sängerin Anna R. erscheinen. Doch ähnlich wie im alten literarischen Kanon bleiben Frauen auch in dieser neuen poppoetischen Auswahl unterrepräsentiert. Die Entscheidung des Verlags spiegelt einen größeren Trend wider, Musik und Literatur enger zu verknüpfen – etwa wenn Autoren wie Michel Houellebecq nun selbst Alben und Tourneen ankündigen. Historisch hat Reclams Kanon die deutsche nationale Identität durch Literatur geprägt. Mit der Aufnahme von Songschreibern erweitert der Verlag diese Tradition nun um moderne Kultur. Allerdings findet sich in den Suchergebnissen keine offizielle Reclam-Ausgabe der Ärzte-Texte, was Fragen zu den tatsächlich verfügbaren Titeln aufwirft.
Die neue Reclam-Reihe stellt Liedtexte auf eine Stufe mit etablierten literarischen Werken. Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Anerkennung von Musik als Form der Dichtung. Bisher bleibt die Auswahl jedoch von männlichen Künstlern dominiert – ein Muster, das sich bereits in der Literaturgeschichte zeigt. Wie der Verlag weitermacht, könnte maßgeblich beeinflussen, wie das Songwriting in der deutschen Kultur wahrgenommen wird.